S.E. Eisterer (Ed.): In the Daylight of Our Existence. Architectural History and the Promise of Queer Theory, Zürich: gta Verlag, 2025. Open Access
A Room of One’s Own
Der von S.E. Eisterer herausgegebene Sammelband „In the Daylight of Our Existence. Architectural History and the Promise of Queer Theory“ wirft Licht auf queere raumschaffende Praktiken – aus intersektionaler Perspektive.
Eine Rezension von Felix Vofrei
„In the Daylight of Our Existence“ ist ein Zitat der Schwarzen Dichterin und Schriftstellerin June Jordan und zugleich Ausgangspunkt des 2025 von S.E. Eisterer, Assistant Professorin für Architekturgeschichte und -theorie an der Princeton University und Co-Gründerin der Queer Space Working Group, herausgegeben Sammelbandes.
Architektur ist politisch
Architektur wird von Eisterer, so wird im Vorwort zum 288-seitigen Buch deutlich, nicht als neutral, sondern immer in gegenderte, rassifizierte und koloniale Machtprozesse eingebunden verstanden, wie sie, von der (queeren) Architekturgeschichte bisher noch nicht zu Genüge adressiert worden seien. Im Gegensatz zu bisheriger Forschung zu queerer Architektur, die sich vor allem mit Orten des Nachtlebens und Cruisingorten vornehmlich schwuler weißer cis-männlicher Mittelklasse-Subjekte auseinandergesetzt hat, allen voran Aaron Betskys 1997 erschienenes Buch „Queer Space. Architecture and Same-Sex Desire“, bezieht Eisterer raumeinnehmende Praktiken mehrfach marginalisierter Gruppen mit ein, die nicht zwingend in dauerhaften physischen Strukturen ihren Ausdruck finden. Der Herausgeberin geht es dabei um das Entwerfen alternativer Zukünfte: „Confronting these histories is also necessary to strategically and creatively envision what could lie beyond. Which imaginations of the environment would become possible if we not only acknowledged but actively thought with nonstatic ways of being in design? […] This book does not provide definitive answers to these questions, but it offers histories and theories of their possibilities.“ (S. 8)
Räume als kollektiver Aushandlungsort
In „Introduction: In the Daylight of Our Existence“ argumentiert Eisterer für eine Schwarze feministische Architekturtheorie in den Schriften Jordans und folgt ihr darin, dass Räume die Grundvoraussetzung für Emanzipation bilden: „This book builds on Jordan’s and Cohen’s premises, both on their intersectional and coalitional framework and their advocacy for space and the environment as fundamental arenas where ‚queer‘ politics and theory can be radically imagined.“ (S. 14) Eisterers Einleitung ist von den Schriften Schwarzer Feministinnen und Postmoderner Theorie informiert, die Care und mehr-als-menschliche Beziehungen in Zeiten des ökologischen Kollapses in den Vordergrund stellen.
Queerness wird von der Autorin dabei nicht als starre Identitätskategorie gedacht, sondern als politische Praxis, die sich mit den Machthabenden anlegt und in immer neuen architektonischen Konfigurationen Ausdruck findet: „Drawing on major insights from contemporary trans and queer theory, the book moves away from a facile notion of shared histories of stable identity categories. Rather, authors gathered in this volume are interested in nuancing how these histories and contingencies shaped differing relationships to dominant forms of power and how they enabled alterations, repair, and re-envisioning of the built environment.“ (S. 15)
Das Archiv queeren
Gemeinsam mit Ladi’Sasha Jones, Designerin und Kuratorin aus Harlem, Molly M. Brandt, Doktorandin der Architekturgeschichte und -theorie an der Princeton University und Catherine George Weilein, Forscherin und Autorin, die zu Architektur als sozialem Ort schreibt, legen sie in „Archives, Intertexts, and Friendship: Notes on the Essays in this Book“ die Programmatik des Buches fest, das sich weniger architekturhistorisch oder -theoretisch gibt, als dass es mit Konzepten aus den Critical Urban Studies arbeitet, die die Beziehungen ihrer Bewohner*innen in den Vordergrund rücken.
Die Beiträge bedienen sich verschiedenstem Quellenmaterial wie Gedichten, Texten, Fotografie, Film, oder Zeitzeug*inneninterviews, die in einer klassischen Architekturgeschichtsschreibung bisher keinen Platz haben: „These texts also mark a different type of writing theory. As the introduction contends, theory—feminist and queer theory in particular—might be found in unlikely places: novels, free writes, poetry, and in practice—that is, in the everyday ways people make themselves at home in cities.“ (S.40)
Das Buch gliedert sich anschließend in drei Teile „Cooperative Infrastructures Against the State“, „Public Domesticies, Domestic Publics“ und „Ecologies of Friendship“ mit jeweils zwei untergeordneten Artikeln.
Alternative Räume
Der erste Teil beschäftigt sich mit alternativen Räumen, die sich Frauen und Queers (of Colour) abseits der Mehrheitsgesellschaft selbst geschaffen haben.
Marco Rios „Architecture Is Burning: An Urbanism of Queer Kinship in New York Ballroom Culture“ verhandelt Praktiken queerer und trans* Personen of Colour, die im New York der 1970 und 80er kollektive Räume schufen, die sich aber nicht notwendigerweise in festen gebauten Strukturen erhalten haben. Rio, der zu Architektur in Gegenkulturen, Nachtleben und Popkultur forscht und das Netzwerk Queer Educators in Architecture Network (quean) mitbegründet hat, deckt zugleich Traditionslinien der Schwarzen Arbeiter*innenklasse auf, indem er der Geschichte der Imperial Elks Lodge nachspürt, die in den 1920er Jahren als Sitz der allerersten afroamerikanischen Gewerkschaft und Jahrzehnte später als Veranstaltungsort für Bälle diente.
„Self Help as Spatial Practice: California’s Feminist Women’s Health Centers“ stammt aus der Feder von M.C. Overholt, die in ihrer Dissertation derzeit die Verbindungen zwischen Architektur und Sexualwissenschaften im 20. Jahrhundert in den USA untersucht. In diesem Beitrag beleuchtet Overholt die Räume der Federation of Feminist Women’s Health Centers (FFWHC), die von den 1970er bis 1990ern feministische Selbsthilfekliniken betrieb, als Testgrund für Praktiken des kollektiven Zusammenlebens und -arbeitens. Den improvisierten und flexiblen Charakter der Einrichtungen mit Teppichen und Sofas versteht sie in Abgrenzung zur architektonischen Strenge der medizinischen Sphäre. Darüber hinaus interpretiert sie die verstärkten Fassaden und Sichtschutze als Reaktion auf ansteigende Gewalt von Abtreibungsgegner*innen und sogleich als Abschirmung gegenüber möglich gewesenen (Schwarzen oder queeren) Verbündeten.
Widerständige Praktiken
Den zweiten Teil des Buches bildet „Public Domesticies, Domestic Publics“ und fokussiert den Staat nicht als Wohltäter, sondern als Überwacher, der marginalisierte Subjekte räumlich separiert, kontrolliert – und schlussendlich vertreibt.
Candace Borders ist Postdoktorandin am Center for the Humanities an der Washington University und hat ihren PhD in American Studies und African American Studies an der Yale University absolviert. Ihre Arbeiten beschäftigen sich damit, wie Afroamerikanische Frauen die urbane Landschaft gestalten. In ihrem Aufsatz „Toward a Method of Black Feminist Refusal in the St. Louis Rent Strike of 1969“ geht es um den Schwarzen feministischen Widerstand gegen Ghettoisierung und schlechte Lebensbedingungen, sowie die Imagination einer schwarzen Befreiung, basierend auf Kollektivität und ohne Privatbesitz. Der Mietstreik von 1969 dauerte insgesamt neun Monate an und fand über 2400 Beteiligte. Die Autorin zeigt, wie sich die Frauen gegenüber rassistischen Zuschreibungen, die Schwarzsein als Legitimation für ihre schlechten Lebensbedingungen verwendeten, verweigerten und stattdessen den öffentlichen Raum als in sich gegendert und rassifiziert aufdeckten.
Den Abschluss des zweiten Abschnittes liefert Germán Pallares-Avitia, mexikanischer Architekt und Forscher, der als Associate Professor an der Rhode Island School of Design lehrt. Er behandelt den Abriss des Rotlichtviertels Calle Mariscal in Ciudad Juárez an der US-amerikanischen Grenze durch die mexikanischen Behörden in 2010 und ordnet ihn in eine längere Geschichte des siedlerkolonialen Projekts ein. Er zeichnet nach, wie sich im Zuge der Abstinenzbewegung in den USA Bordelle und das Nachtleben in die mexikanischen Grenzstädte verlagerten, die weiterhin fleißig von US-Amerikanern aufgesucht wurden. Das Programa Nacional Fronterizo (National Border Program, PRONAF), durch das in den 1960ern separierte Bars und Bordelle in den sogenannten Boy’s Towns entstanden, sowie den Abriss von Calle Mariscal 2010 bewertet er als Fortführung der Siedler-Sexualität, die die weiße heterosexuelle Kernfamilie privilegiert und andere Sexualitäten oder Lebensformen benachteiligt.
Den Kanon erweitern
Der letzte Teil hinterfragt den dominanten architekturhistorischen Kanon und betrachtet kanonisierte Positionen unter dem Gesichtspunkt der Freund*innenschaft und Care.
Torsten Lange, Professor für Kulturgeschichte der gebauten Umwelt an der Hochschule Luzern, behandelt in seinem Aufsatz „Infrastructures of Friendships: Amerigo Marras and the Art & Communication Group in Toronto“, wie die Aktivitäten der von Amerigo Marras mitbegründeten Art & Communication Group in den 1970er Jahren als Ausdruck nicht der heterosexuellen Kernfamilie, sondern von zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Freund*innen zu sehen sind. Während die Gruppe anfangs noch ein Haus im viktorianischen Stil bewohnte, das, so argumentiert Lange, wie die Körper der nicht nur in platonischen Beziehungen stehenden Körper penetrierbar oder bewohnbar wurde, bewegten sich spätere Entwürfe weg von tatsächlich physischen Architekturen hin zu einer „unarchitecture“ (S. 227). Zur weiterführenden Lektüre sei hier auf das kürzlich (2026) von Jack Halberstam erschienene Buch „Anarchitecture After Everything. A Trans Manifesto“ verwiesen.
Der Beitrag „Planning as Resistance in June Jordan’s New York“ von Davy Knittle, bildet den Abschluss des Buches und spannt durch die Beschäftigung mit Jordan zugleich einen inhaltlichen Bogen zum Anfang. Davy Knittle ist Assistant Professor für English an der University of Delaware und arbeitet dazu, wie ‚race‘, Sexualität und Gender die Neugestaltung der gebauten Umwelt der USA ab den 1950ern informierte. Anhand von Jordans Projekt „Skyrise for Harlem“, sowie Gedichten und einem Roman, zeigt er auf, wie sie sich gegen die rassistischen Stereotypisierungen schwarzer Frauen im Moyniham-Report behauptete und die Stadtplanung der 1950er und 1960er als strukturell rassistisch kritisierte. Jordans demokratische Visionen zentrieren schwarze Perspektiven und betonen die Notwendigkeit eines Vokabulars für die Bedürfnisse der Bewohner*innen sowie die Verbindung zwischen Mensch und Natur.
Räume zum Wachsen
Insgesamt geht es in dem Sammelband, wie bereits erwähnt, weniger um statische Architektur im klassischen Sinne, als dass hier vielmehr eine Sozial- und Kulturgeschichte queerer raumschaffender Praktiken geschrieben wird. Mit seinem intersektionalen Ansatz stellt es eine echte Bereicherung für das Forschungsfeld der queeren Architektur und Stadtplanung dar. Die aus interdisziplinärer Perspektive verfassten Beiträge beschäftigen sich mit den wenig dokumentierten Geschichten von teils mehrfach marginalisierten Frauen und Queers, die kollektive Praktiken des Zusammenlebens vorweggenommen haben. Nur konsequent ist es daher, dass das Buch für alle kostenlos im Open Access verfügbar ist.
