Eine ansteckende Geschichte

Adrian Lehne legt mit Ansteckungsverdächtig die überarbeitete Fassung seiner 2022 an der Freien Universität Berlin angenommenen Dissertation vor. Das Buch erscheint als zweiter Band der Reihe Sexualities in History und ist aus der DFG-Forschungsgruppe »Recht Geschlecht Kollektivität« hervorgegangen. Untersucht wird die Schwulenbewegung der alten Bundesrepublik und des wiedervereinigten Deutschlands zwischen der ersten Beschreibung von Aids 1981 und der Vorstellung der Kombinationstherapien in Vancouver 1996. Damit reiht sich die Studie in eine Forschungslandschaft ein, die von Henning Tümmers’ Aids. Autopsie einer Bedrohung im geteilten Deutschland (2017) über Martin Reicherts Die Kapsel (2018) bis zu Sebastian Haus-Rybickis Eine Seuche regieren (2021) reicht. Für Österreich fehlt eine solche Arbeit.

Recht als Arena

Im Zentrum steht die Frage, wie die Auseinandersetzung mit Recht im Kontext von HIV/Aids zu rechtspolitischer Mobilisierung und zu Kollektivierungsprozessen führt. Recht erscheint dabei als subjektivierende Instanz und als Arena der Auseinandersetzung mit dem Staat. Lehne kombiniert historische Diskursanalyse mit praxeologischen Ansätzen. Grundlage ist ein Korpus von 1904 Artikeln aus acht Bewegungs- und Communityzeitschriften, darunter die Siegessäule, Du&Ich, Magnus und der Rosa Flieder. Die Verteilung zeigt eine deutliche diskursive Verdichtung in den Jahren 1987 und 1988. Hinzu kommen Bestände des Schwulen Museums, des Forum Queeres Archiv München, des Stadtarchivs Hildesheim und des Archivs Grünes Gedächtnis sowie vier narrative Interviews mit Aktivisten der Bewegung. Lehne legt offen, dass nur zwei davon direkt in die Darstellung eingegangen sind.

Sechs Erkenntnisse

Die Schlussbetrachtung bündelt sechs zentrale Befunde. Zentral ist die Rolle von Wissen im juridischen Feld. Nichtrechtliches Wissen gelangt vor allem über wissenschaftlich publiziertes Wissen ins Recht, weshalb sich Aktivist*innen sozialwissenschaftliche Expertise aneignen und verbreiten. Daran anschließend zeigt Lehne, wie sich die Bewegung neue Rechtspraktiken erschließt. Rechtswissen zirkuliert in der Community, Rechtsratgeber entstehen, und Verfahren werden strategisch geführt. Der bayerische Prozess gegen Linwood B. dient als Fallstudie.

Über das Recht formatieren sich schwule Subjektivitäten neu. HIV- und aidsbezogene Diskriminierung drängt die Bedeutung des § 175 StGB in den Hintergrund, der 1994 auch unter Verweis auf HIV/Aids gestrichen wird. Zugleich erweitern die im Zuge der Aids-Krise eingeworbenen Mittel die Räume schwuler Vergemeinschaftung, etwa mit der Gründung des Berliner Mann-O-Meter und der Förderung des Tagungshauses Waldschlösschen bei Göttingen. Sichtbar wird außerdem, wie eng die liberale Aids-Politik der Bundesrepublik mit dem Konzept der Selbsthilfe verbunden bleibt und wie Tendenzen der Neoliberalisierung und linke soziale Kämpfe dabei ineinandergreifen. Der sechste Punkt gilt den transnationalen Bezügen. Safer Sex wird aus den USA importiert, und die Gründungen der Deutschen Aids-Hilfe und später von ACT UP erhalten von dort entscheidende Impulse.

Eine Wiener Leerstelle

Für eine Wiener Leser*innenschaft ist das Buch in doppelter Hinsicht interessant. Es liefert das Modell einer Untersuchung, die für Österreich noch aussteht. Und es enthält beiläufige Spuren des Austauschs über die Grenze. In einer Fußnote hält Lehne fest, dass das Treffen Berliner Schwulengruppen im April 1983 erwog, die dort als Flugblatt bezeichnete Aufklärungsbroschüre der HOSI Wien zu übernehmen (S. 98, Anm. 363). Solche Hinweise bleiben Randnotizen, machen aber sichtbar, wie selbstverständlich sich die deutschsprachige Bewegung untereinander austauschte.

Die Grenzen der Arbeit zieht Lehne selbst. Die DDR bleibt für die Zeit vor 1990 außen vor, nach der Wende kommt Ostdeutschland wieder in den Blick. Das Korpus stützt sich auf gedruckte Zeitschriften und bildet damit vor allem den organisierten und schreibenden Teil der Bewegung ab. Was Ansteckungsverdächtig auszeichnet, ist die Genauigkeit, mit der Lehne das Recht zugleich als Werkzeug und als Zumutung beschreibt. Das Buch ist frei zugänglich und damit auch für die Arbeit an einer österreichischen Aids-Geschichte unmittelbar verfügbar.

1711 2560 Qwien - Zentrum für queere Geschichte
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