{"id":11004,"date":"2025-07-15T21:37:14","date_gmt":"2025-07-15T19:37:14","guid":{"rendered":"http:\/\/h132693.easyname.systems\/nicht-kategorisiert\/justiz-entschuldigung-fuer-die-strafrechtliche-verfolgung-von-homosexuellen-menschen-in-oesterreich-in-der-zweiten-republik\/"},"modified":"2025-07-15T21:37:14","modified_gmt":"2025-07-15T19:37:14","slug":"justiz-entschuldigung-fuer-die-strafrechtliche-verfolgung-von-homosexuellen-menschen-in-oesterreich-in-der-zweiten-republik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/qwien.at\/en\/justiz-entschuldigung-fuer-die-strafrechtliche-verfolgung-von-homosexuellen-menschen-in-oesterreich-in-der-zweiten-republik\/","title":{"rendered":"Entschuldigung f\u00fcr die strafrechtliche Verfolgung von homosexuellen Menschen in der Zweiten Republik"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Im Juni 2021 entschuldigte sich die Justizministerin Alma Zadi\u0107 im Namen der Justiz f\u00fcr die strafrechtliche Verfolgung von homosexuellen Menschen in \u00d6sterreich in der Zweiten Republik. Diese Entschuldigung stellt einen historischen Wendepunkt in der geschichtlichen Verfolgung von Homosexualit\u00e4t im demokratischen \u00d6sterreich dar, wie Historiker Andreas Brunner (QWIEN) an diesem Tag im Landesgericht darlegte. Im Folgenden leicht bearbeitete Ausz\u00fcge aus seiner Rede.<\/em><\/strong><\/p>\n<h2>Homosexualit\u00e4t in der Nachkriegszeit<\/h2>\n<p>Homosexualit\u00e4t war in den unmittelbaren Nachkriegsjahren weder politisch, juristisch, noch in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung ein Thema. Die strafrechtliche Verfolgung gleichgeschlechtlicher Handlungen griff auch nach der Befreiung von der nationalsozialistischen Diktatur im demokratischen \u00d6sterreich um sich: Typisch nationalsozialistische Zwangsma\u00dfnahmen wie die Konzentrationslagerhaft, medizinische Experimente, die sogenannte freiwillige Entmannung oder die Bedrohung durch die Verh\u00e4ngung der Todesstrafe durch NS-Sondergerichte endeten. Die strafrechtliche Verfolgung und die damit einhergehende Vernichtung der sozialen Existenz, die \u00c4chtung und der Ausschluss aus der Gesellschaft, gingen jedoch unvermittelt weiter.<\/p>\n<p>Die Nachkriegsjustiz zweifelte in keinem einzigen Fall an der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der in der NS-Zeit ausgesprochenen Urteile nach Paragraf 129 Ib. Gemessen an der Zahl der Einwohner:innen war \u00d6sterreich im Europa der 1950er-Jahre bis zu Beginn der 1970er-Jahre das Land mit der h\u00f6chsten Verfolgungsintensit\u00e4t. Nirgendwo sonst wurden mehr M\u00e4nner und Frauen wegen gleichgeschlechtlicher Handlungen verurteilt.<\/p>\n<h2>Das Ende der Strafbarkeit von gleichgeschlechtlichen Handlungen?<\/h2>\n<p>Der SP\u00d6-Abgeordnete Otto Tschadek setzte als erster die Verfolgung Homosexueller auf die parlamentarische Tagesordnung. Da im Parlament keine Einigung erzielt werden konnte, beschloss der Nationalrat 1954 die Einsetzung einer Strafrechtskommission. Obwohl diese Kommission im September 1957 mit einer Mehrheit von zehn zu zwei Stimmen die Abschaffung der Strafbarkeit gleichgeschlechtlicher Handlungen unter Erwachsenen empfahl, kam es auf politischer Ebene zu keiner Umsetzung.<\/p>\n<p>Erst mit dem Wahlsieg der SP\u00d6 unter Bruno Kreisky bei den Nationalratswahlen 1970 wurden die Weichen auf Erneuerung gestellt. Justizminister Christian Broda schritt z\u00fcgig an die Reform des Strafgesetzes: der Paragraf 129 Ib wurde abgeschafft, flankierende Ma\u00dfnahmen unter neuen Strafrechtsparagrafen eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Bis zu diesem Zeitpunkt wurden zwischen 1950 und 1971 \u00fcber 13.000 M\u00e4nner* und Frauen* nach Paragraf 129 Ib verurteilt. Trotz aller Einschr\u00e4nkungen schuf Christian Broda mit der sogenannten \u201ekleinen Strafrechtsreform\u201c, die am 17. August 1971 in Kraft trat, ein Jahrhundertgesetz, das mit der Ver\u00f6ffentlichung eines neuen Strafgesetzbuchs am 1. J\u00e4nner 1975 in seine, f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahrzehnte geltende Form gegossen wurde.<\/p>\n<h2>Die neuen Paragrafen<\/h2>\n<p>Einvernehmliche, gleichgeschlechtliche Handlungen zwischen Erwachsenen waren damit straffrei. Vier neue Paragrafen wurden anstelle von Paragraf 129 Ib eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Paragraf 209 \u201eGleichgeschlechtliche Unzucht mit Jugendlichen\u201c legte ein Schutzalter von 18 Jahren f\u00fcr m\u00e4nnliche Homosexualit\u00e4t fest. Zum Vergleich: Heterosexuelle und weibliche gleichgeschlechtliche Handlungen waren ab 14 Jahren straffrei. (Aufgehoben 2002.)<\/p>\n<p>Paragraf 210 \u201eGewerbsm\u00e4\u00dfige, gleichgeschlechtliche Unzucht\u201c galt ebenfalls nur f\u00fcr M\u00e4nner. (Aufgehoben 1989.)<\/p>\n<p>Paragraf 220 \u201eWerbung f\u00fcr Unzucht mit Personen des gleichen Geschlechts oder mit Tieren\u201c untersagte die Verbreitung von Druckwerken und Laufbildern, die in einer Art Guthei\u00dfen von Homosexualit\u00e4t, dazu geeignet sind, solche \u201eUnzuchthandlungen\u201c nahezulegen. (Aufgehoben 1996.)<\/p>\n<p>Paragraf 221, der Verbindungen zur Beg\u00fcnstigung gleichgeschlechtlicher Unzucht unter Strafe stellte, war praktisch als erstes totes Recht, nachdem das Innenministerium die Gr\u00fcndung der Homosexuelleninitiative HOSI Wien 1980 nicht untersagte. (Aufgehoben 1996.)<\/p>\n<h2>Das Ergebnis der neuen Paragrafen<\/h2>\n<p>Insgesamt bediente der Paragraf 209 das auch im Nationalsozialismus propagierte Stereotyp des homosexuellen Mannes als \u201eJugendverderber\u201c weiter. Die Paragrafen 220 und 221 hingegen erwiesen sich als Hemmschuh f\u00fcr die Entwicklung einer homosexuellen Emanzipationsbewegung. So wurde der Werbeparagraf mitunter in Verbindung mit dem Verbot gleichgeschlechtlicher Pornografie als harter Pornografie gegen Zeitschriften, Druckwerke oder Filme eingesetzt, die Homosexualit\u00e4t und homosexuelle Handlungen positiv darstellten. Selbst Aufkl\u00e4rungsbrosch\u00fcren der deutschen Aidshilfe wurden noch Anfang der 1990er-Jahre vom Zoll als harte Pornografie beschlagnahmt.<\/p>\n<p>Insgesamt wurden nach Paragraf 209 zwischen 1972 und 2002 \u00fcber 1.000 M\u00e4nner verurteilt und deren Existenz zerst\u00f6rt.<\/p>\n<h2>H\u00f6r- und Lese-Tipps<\/h2>\n<p><strong>Zum Nachh\u00f6ren<\/strong> (Alma Zadi\u0107): <br \/>Offizielle Entschuldigung des Justizministeriums mit Andreas Brunners Rede. <a href=\"https:\/\/fb.watch\/6pAfszVr8r\/\">https:\/\/fb.watch\/6pAfszVr8r\/<\/a> (Min. 17:17).<\/p>\n<p><strong>Zum Nachlesen<\/strong>: <br \/>Pressemitteilung des \u00f6sterreichischen Justizministeriums. <a href=\"https:\/\/www.bmj.gv.at\/ministerium\/presse\/pressmitteilungen-2021\/Justizministerin-Zadi%C4%87-entschuldigt-sich-f%C3%BCr-strafrechtliche-Verfolgung-homosexueller-Menschen-in-der-zweiten-Republik.html\">www.bmj.gv.at\/ministerium\/presse\/pressmitteilungen-2021\/Justizministerin-Zadi%C4%87-entschuldigt-sich-f%C3%BCr-strafrechtliche-Verfolgung-homosexueller-Menschen-in-der-zweiten-Republik.html.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Juni 2021 entschuldigte sich die Justizministerin Alma Zadi\u0107 im Namen der Justiz f\u00fcr die strafrechtliche Verfolgung von homosexuellen Menschen in \u00d6sterreich in der Zweiten Republik. 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